Magazin · Tierschutz aktiv · 13. März 2022
· 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert am 15. August 2024
VETO vor Ort bei den türkischen Straßenhunden
Im Januar 2022 reisen Kathleen Engeln und Claudia Lemke für VETO in die Türkei. Sie wollten sich selbst von der dramatischen Situation der Straßenhunde im Land überzeugen und eine Tierschützerin besuchen, die sich seit Jahren für das Wohl der Tiere einsetzt.

Stets auf der Suche nach Zuneigung: Die Hunde im Tierheim genießen die Nähe der Besucherinnen aus Deutschland. Foto: VETO
Im Januar 2022 machen sich Kathleen Engeln und Claudia Lemke auf den Weg nach Ankara, um von dort aus weiter in die Stadt Sorgun zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, wie groß das Leid ist, das sie auf ihrer Reise sehen werden. Und sie können auch nicht erahnen, dass sich die Lage der türkischen Straßentiere zwei Jahre später noch gravierend verschlechtern wird.
Die Reise zu den Straßenhunden in der Türkei
VETO liegen nicht nur die Hunde und Katzen am Herzen, sondern auch die Menschen, die sich um die Vierbeiner kümmern. Zu vielen Tierschutzvereinen, die VETO angeschlossen sind, besteht ein enger, manchmal freundschaftlicher Kontakt. Die erste Vorsitzende des Vereins Hamburger Internationaler Tierschutz in Not e. V., Esma Arslan, hat Kathleen und Claudia eingeladen, sich in ihrem privaten Tierheim „Umut Evi“ in Sorgun in der Provinz Yozgat ein Bild von der Situation zu machen.
Sorgun liegt etwa vier Stunden entfernt von Ankara. Auf den Straßen liegt Schnee, denn der Winter in diesem Teil der Türkei ist bitterkalt. Nachts können es bis zu minus 20 Grad Celsius werden. Am Straßenrand erblicken die drei immer wieder Straßenhunde. Bei einer größeren Gruppe Hunde halten sie an, um sie zu füttern. Esma reißt eine große Tüte mit Hundefutter auf. Die Straßenhunde sind erfreut und irritiert zugleich. „Das kennen sie gar nicht“, erklärt Esma ihren Besucherinnen aus Deutschland. Die großen Vierbeiner scheinen zum ersten Mal in ihrem Leben nahrhaftes Hundefutter zu fressen.
Einer der Straßenhunde humpelt stark. Esma sagt, dass viele Hunde in dieser Gegend von Autos angefahren werden und die gebrochenen Knochen unbehandelt wieder zusammenwachsen. Die Tierschützerin bestätigt auch, was dem VETO-Team schon vor der Reise in die Türkei zugetragen wurde: Hunde wie diese würden von Hundefängern teilweise brutal gejagt und aus den Städten fortgebracht. Wohin genau, sei oft unklar.

Besonders für Welpen stellt die klirrende Kälte eine Gefahr dar. Nachts können es in der Provinz Yozgat bis zu minus 20 Grad Celsius werden. Foto: VETO
Zu Besuch bei Esma Arslan
Esmas Tierheim „Umut Evi“, was übersetzt „Haus der Hoffnung“ bedeutet, beherbergt etwa 400 Hunde. Die meisten sind sehr groß. Sie sind Kangals oder Mischlinge dieser Rasse. Freudig begrüßen die Vierbeiner die Besucherinnen und Esma. Alle möchten gestreichelt und beachtet werden; ihre Sehnsucht nach Zuneigung ist groß.
Das Tierheim besteht aus mehreren großzügigen Freigehegen, einem kleinen Zimmer mit Tisch und Heizstrahler, einem Haus mit mehreren Räumen, einigen Zwingern und großen Unterständen mit Wänden, um die Hunde vor der Witterung zu schützen. Auf dem gesamten Gelände stehen stabile Hütten für die Tiere, damit sie sich zurückziehen und wärmen können.
Alle Schützlinge in diesem Tierheim wirken aufgeschlossen und vital. Esma berichtet aber, dass besonders den alten und sehr jungen Hunden die extreme Kälte zusetze. Erst vor wenigen Tagen seien gesunde Welpen erfroren. Solche Erlebnisse machen Esma und auch ihrem Mitarbeiter Hamza zu schaffen. Dadurch, dass Straßen- und Haustiere in der Umgebung nur selten kastriert werden, entsteht immer wieder ungewollter Nachwuchs. Die Kleinen sind trotz aufopfernder Pflege durch die Tierschützenden nicht stark genug, um die eisige Kälte der Nacht zu überstehen.

Die rund 400 Hunde in Esma Arslans Tierheim weichen den Besucherinnen nicht von der Seite. Selbst mit der Kamera wird gekuschelt. Foto: VETO
Hunger und Leid im städtischen Tierheim
Im Tierheim „Umut Evi“ wird alles getan, damit es den Hunden so gut wie möglich geht. Esma und ihr Team geben jeden Tag ihr Bestes und retten und versorgen schutzlose Tiere. Ein Besuch in einem der städtischen Tierheime in der Türkei zeigt Kathleen und Claudia jedoch deutlich, dass das Tierwohl nicht überall an erster Stelle steht.
Die Straßen sind bedeckt mit dicken Schneemassen, als die beiden sich auf den Weg zum öffentlichen Tierheim machen. Kathleen und Claudia hatten sich vorher angekündigt, daher steht das Tor zur Einfahrt weit geöffnet. Für gewöhnlich kommen kaum Menschen an diesen abgelegenen Ort. Auf dem großen Gelände gibt es mehrere Freigehege, die nirgends überdacht sind. Vereinzelt stehen Hundehütten im Schnee, doch längst nicht genug für hunderte von Hunden.
In einigen Gehegen drängeln sich die Tiere eng aneinander. Alle sind klapperdürr und viele wirken krank. Einige Tiere bluten, bei anderen sind Augen und Schnauze eitrig verklebt. Schutzlos harren sie im kalten Schnee und in ihren eigenen Ausscheidungen aus. Apathisch blicken die Hunde in die Leere.

Futter erhalten die Hunde im städtischen Tierheim nur sehr selten, menschliche Zuwendung bekommen sie nie. Foto: VETO
Manche Gehege stehen komplett leer. An der Reinheit des Schnees ist zu erkennen, dass hier lange kein Hund mehr langlief. Warum hunderte von Tieren in kleinen Bereichen zusammengepfercht werden, während im Nachbargehege ausreichend Platz zur Verfügung steht, erläutern die Mitarbeiter des Tierheims nicht weiter. Dafür berichten sie, wie oft die Tiere gefüttert würden: zwei- bis dreimal pro Woche.
„Das öffentliche Tierheim in der Türkei war wirklich erschreckend. So viele leere Blicke, so viel Leid. Die Hunde sind halb verhungert einfach ihrem Schicksal ausgesetzt. Es wird kein Wert darauf gelegt, dass die Hunde im Tierheim gut versorgt und vermittelt werden und dann noch ein glückliches Leben bei einer Familie führen können. Vielmehr werden die Hunde dort zum Sterben zurückgelassen.“
2024 beschlossenes Gesetz bringt Straßenhunde in noch größere Gefahr
Das kommunale Tierheim ist kein Ort der Fürsorge und Heilung, sondern ein Ort des Todes. Die meisten Hunde werden hier verhungern, erfrieren oder ihren Krankheiten erliegen. Ist dies so ein Ort, an dem nun sämtliche Straßenhunde ihr jämmerliches Dasein fristen sollen?
Das im Juli 2024 beschlossene neue Straßentiergesetz in der Türkei sieht vor, dass alle Straßenhunde eingefangen und in Tierheimen untergebracht werden sollen. Hunde, die als krank oder aggressiv eingestuft werden oder eine „Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Tier“ darstellen, sollen eingeschläfert werden.
Die desaströsen Zustände in dem von uns besuchten kommunalen Tierheim sind derweil keine Seltenheit. Tierschützende in der Türkei berichten von Vernachlässigung und Misshandlungen in den kommunalen Einrichtungen.

Zitternd vor Kälte kriecht ein Welpe im städtischen Tierheim in Kathleens Jacke. Foto: VETO
Diese Einrichtungen haben nichts mit den privaten Tierheimen, die von Tierschützenden wie Emsa Arslan geführt werden, gemein. Ob durch die sofortige Tötung oder in Folge der Vernachlässigung in den überfüllten Tierheimen. Fest steht: Durch Verabschiedung des neuen Gesetzes wartet auf unzählige Straßenhunde in der Türkei wohl der frühzeitige Tod.
Wir können das Leid der türkischen Straßentiere nicht ignorieren!
Die Tierschützenden in der Türkei brauchen dringend Hilfe bei der Versorgung der vielen Straßentiere. Während die Regierung auf Tötungen und Ignoranz setzt, kämpfen sie um jedes Tierleben.
Um die Tierschützenden dabei zu unterstützen, haben wir die Kampagne Hilferufe der Straßentiere ins Leben gerufen. Mach mit uns für die vielen Straßentiere in der Türkei einen Unterschied. Hilf mit, die Straßentiere zu versorgen und zu kastrieren. Damit ihr Leid endlich ein Ende hat.